Der unabhängige Orgasmus
Ulrich Clement
Orgasmusschwierigkeiten von Frauen haben – um den Leidensdruck in eine Schublade zu stecken – schon alle möglichen Erklärungen über sich ergehen lassen müssen: Partnerkonflikte, Persönlichkeitsstörungen, hormonelle Defizite, fehlende anatomische Kenntnisse, ungeschickte Männer, Traumatisierungen usw.. Jetzt hat eine großangelegte Untersuchung an australischen Frauen ergeben: Orgasmusstörungen korrelieren mit – nichts.
Ein Drittel (35%) der Frauen hatte nie oder selten Orgasmus beim Verkehr. Diese Gruppe unterschied sich in keinem der untersuchten Merkmale von den Frauen, die regelmäßig oder immer Orgasmus hatten: Partnerschaftsdauer- und –qualität, Einkommen, Bildung, politische Einstellungen, Persönlichkeit, Partnerzahl, Alter beim ersten Verkehr, sexuelle Fantasien….durchweg Fehlanzeige.
Ein besonderer Reiz der Studie ist, daß es sich um eine Zwillingsstudie handelt (immerhin 1000 Zwillingspaare), so daß auch genetische Effekte errechenbar waren. Dasselbe Ergebnis: kein genetischer Zusammenhang.
Therapeutisch ist das eine frohe Botschaft. Frauen (und TherapeutInnen) können sich die Frage sparen, woher es kommt, daß sie (die Frauen) nie oder selten zum Orgasmus kommen: Es gibt keinen Grund, sondern einfach eine Variation der individuellen Orgasmus-Muster.
Quelle: J Sex Med 2011, 8, 2305-2316
10 Kommentare »
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Diese Ergebnisse finde ich sehr beruhigend. Wenn es keine Korrelationen zu nix gibt, dann geht es eben einzig und allein um Gottes Hilfe…
Kommentar by FBSimon — 14. Februar 2012 @ 22:09
ja, Gottes Hilfe ist immer gut, aber auch die richtige Technik kann helfen: vaginaler Orgasmus ist ein Mythos und die Klitoris ist kein Rubbellos!
Kommentar by Kurtisahne — 14. Februar 2012 @ 23:34
…wobei ich mir -praktisch gesehen – Gottes Hilfe ziemlich lustig vorstelle
Kommentar by Ulrich Clement — 15. Februar 2012 @ 05:42
also Gott habe ich meinen Mann noch nie genannt – vielleicht sollte ich das tun
Kommentar by Petra Backes — 16. Februar 2012 @ 07:45
Ach, es gibt so viele Arten “des” Orgasmus. Vielleicht sind die auch alle unanhängig von einander?
“Der” Orgasmus ist wie ein plötzlicher weiter Blick auf einer Bergwanderung. Aber gewiß nicht das Ziel. Das ist – wenn es überhaupt existiert – vielleicht viel leiser?
Nebenbei: Skepsis ist angebracht, wenn Psychologen “keine Korrelationen” finden. (Wie bei den Medizinern, die ein nicht verstandenes Leiden “primär” oder “idiopathisch” nennen – als sei damit etwas über die Wirklichkeit gesagt.) Das heißt nur: keine Korrelationen mit den (vergleichsweise wenigen) Variablen, die man halbwegs gültig messen kann. Es gibt durchaus Handlungen (und deren Unterlassung), die das Erleben eines Paars nachhaltig beeinflussen. Bloß – zum Glück – noch keine Fragebögen dazu.
Was geschieht, hat durchaus Ursachen. Manche davon erkennbar. Nämlich uns selber. (Die Dinge fallen uns nicht einfach “in den Schoß”.) Und da kann man eben genauer hinschauen – oder nicht. Auch: sich selber erkennbar machen.
Kommentar by Rofrano — 17. Februar 2012 @ 09:29
PS: Was “Gott” wohl mit unseren Orgasmen (oder deren Ausbleiben) vor hat? Vielleicht könnte man ja ein paar der berühmten Heidelberger Theologen konsultieren? Die Mystiker haben ja einiges gescchrieben, was ziemlich orgasmusverdächtig klingt,
Die Anfangszeilen eines Gedichts fallen mir ein (von Anastasia Hoppe, einer jungen Dichterin):
“Ja ich bin du und wir sind Gott
den Schöpfungsakt am spielen …”
Kommentar by Octavian — 17. Februar 2012 @ 09:39
…ja das was sich im Kopf und ganzkörperlich abspielt lässt sich oft nicht im Aussen messen…wie wunderschön, denn wir Frauen sind doch mysteriöse Zauberwesen und ich fände es schön wenn wir es auch bleiben. Und falls Frauen an nicht vorhandenen Orgasmen was ändern wollen, gibt es ja immer noch TherapeutInnen oder YogalehrerInnen oder Massagefachfrauen und -Männer und…..die auch ohne Forschung der linken Hirnhälfte was in Bewegung bringen können…:-))…
Kommentar by Heidrun Metzler — 18. Februar 2012 @ 15:41
Und – besuchen Sie doch mal die FAN FACOTORY in
Berlin am Hackchen Markt. Macht richtig Spaß allein
beim Anschauen.
Kommentar by greta brentano — 20. Februar 2012 @ 14:35
Ich will nicht rechthaberisch sein, aber die heißt FUN FACTORY. Und Anschauen ist schon mal ein Anfang
Kommentar by Ulrich Clement — 20. Februar 2012 @ 17:08
Die Studie habe ich nicht gelesen. Aber oben wurde aus ihr abgeleitet, es gäbe wohl keinen (messbaren) Grund für Orgasmusschwierigkeiten.
Da kann ich es nicht lassen und muss etwas besserwisserisch auf einen meiner Lieblingslehrsätze verweisen:
Korrelationen sind keine Kaurelationen!
Kommentar by sagittarius — 21. Februar 2012 @ 22:04