Rhinotillexomanie
Karl L. Holtz
Man gönnt uns einfach unsere Helden nicht. Während der ungebührliche Umgang mit Ballack ja schon erwähnt wurde, stürzt sich die Meute nun auf Löw. Die Weltpresse, auch Rede Globo zeigt genüsslich Bilder und verweist auf ein Youtube-Video, auf dem unser Held Yogi sich gedankenverloren in der Nase popelt und die Popel, zugegebenermaßen etwas kleinkindhaft, entsorgt.
Gar nicht witzig, aber wie im richtigen Leben ist Hilfe zur Heldenrettung auch hier nicht weit. Wie so häufig, wenn der Kommunikation über abweichendes Verhalten die Peinlichkeit genommen werden soll, meldet sich die Medizin zu Wort. In diesem Fall in Gestalt des Fußballdoktors Dr. Dribbel in der FR, der das Verhalten pathologisiert. Möglicherweise ist Löw ja krank, so schreibt der Doktor und leidet unter Rhinotillexomanie (für diejenigen unter uns, die des griechisch-römischen nicht so mächtig sind : Rhino=Nase, tillexis= Gewohnheit des Bohrens, Manie= der Zwang etwas zu tun). Das ist eine Kategorie der ICD-10, dem Klassifikationssystem der Krankheiten nach internationalen Standards, und wird dort unter F98.8 abgehandelt: Sonstige näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend.
Dieses herausfordernde Verhalten, wie Verhaltensstörungen in den Erziehungswissenschaften seit einiger Zeit genannt werden (ich untersage mir hier den Kalauer in Verbindung mit der auch in diesen Wissenschaften vertretenen Maxime des Forderns und Förderns), hat also Krankheitswert. Nun gut, werden einige Unbelehrbare sagen, ob jemand darunter leidet, hängt ja wohl auch von der Intensität und der Verletzungsgefahr ab. Selbst wenn diese exzessiv und selbstverletzend sind, werden wieder andere anmerken, müssten lustvolle Handlungen mit diesen Nebenwirkungen nicht unbedingt pathologisiert werden (Herr Clement kann dies vielleicht bestätigen). Und Yogi leidet ja wohl offensichtlich nicht darunter, einige wollen sogar eine ausgesprochen meditative lustvolle Körpersprache (so sagt man heute im Sport) bei ihm festgestellt haben. Und schon sind wir mitten in der Diskussion über die andere Seite der Gesundheit, mit all ihren Risiken und Nebenwirkungen.
Nach den vorliegenden epidemiologischen Studien geben 91% der Bevölkerung an, regelmäßig in der Nase zu bohren, durchschnittlich 4mal am Tag, mit einem range bis 20. 75% der Befragten sind der Auffassung, dass dies jeder tut. Abweichendes Verhalten? Unter Bezug auf statistische Normen ist eine solche Feststellung nicht zu rechtfertigen, auch funktionale Aspekte scheinen in der Diskussion wenig stichhaltig zu sein. Also Pathologisierung als Schutz vor Diskriminierung durch weniger tolerante Beobachter, so wie mit der Zuweisung einer Krankenrolle der Betroffene ein wenig aus der Schusslinie genommen wird?
Wollen wir das? Wie retten wir unseren Helden aus dem Dilemma von Diskriminierung und Pathologisierung? Da sind Systemiker gefragt, um an diesem Beispiel die Paradoxien der anderen Seite der Gesundheit zu thematisieren. Schauen wir dabei ruhig in die wenigen Veröffentlichungen zum Thema (z.B., J. W. Jefferson und T. D. Thompson: Rhinotillexomania: psychiatric disorder or habit? In: J Clin Psychiatry 56, 1995, S. 56–59). Wir können natürlich auch mit dem schon sprichwörtlichen Hang der Carl-Auer-Schüler zu Metaphern und Kalauern relativieren: Wenn die Mannschaft auf dem Platz schon alles aus sich herausholt, warum nicht auch und gerade der Trainer.
Psychoedukativ ließe sich auch einiges machen: es gibt inzwischen ein wunderschönes Kinderbuch: Nasenbohren ist schön von Daniela Kulots, zu dem es in der Bayrischen Staatsbibliothek, Fachgruppe Lese- und Literaturförderung, bereits einige didaktische Empfehlungen gibt. (Kommentar der Amazon-Redaktion: Als Warnung gleich vorweg: Nasebohren ist schön ist nur etwas für unerschrockene Eltern. Der Grund wird schon im Titel verraten. Immerhin bricht das Bilderbuch mit einem Tabu, mit dem auch unter Kindern immer gern gebrochen wird. Und es gibt durch eine überraschende Wende eben jenen Kindern die besten Argumente für den Tabubruch an die Hand.)
Eine weitere effektive Form der Auseinandersetzung mit diesem Thema hat offensichtlich mal wieder die FIFA gefunden. Es ist mir ein wenig peinlich hier einzugestehen, wie ich an die folgenden Informationen gekommen bin: Natürlich fand ich es ungehörig, unangemessen und spießig, diese Reinigungsversuche des Bundestrainers in der Öffentlichkeit auszubreiten und zur Kenntnis zu nehmen. Aber irgendwann, ich muss ja auch wissen worüber ich mich empöre, habe ich das Video bei Youtube angeklickt. Zu meiner Erleichterung stellte ich fest, dass die FIFA es inzwischen gesperrt hat. Begründung: Video gesperrt, weil Inhalte (content) Eigentum der FIFA sind. Über diese Aussage will ich nicht weiter nachgrübeln, weil dabei doch nur wieder ein Kalauer herauskommt.
Ach übrigens, finden Sie das Spucken der Spieler auf dem grünen Rasen nicht auch ekelhaft? Gibt’s dafür schon eine diagnostische Kategorie, Salivatillexomanie vielleicht? Sialorrhoe ist ja was anderes. Wenn man sich im Internet kundig machen will, findet man eine unüberschaubare Anzahl von Erklärungsversuchen und Vorschlägen. Aber so richtig aufbereitet als Steilvorlage für die Pharmaindustrie scheint es noch nicht zu sein. Das ist noch ein weites feuchtes Spielfeld.
8 Kommentare
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… „das Spucken der Spieler“ (um jetzt nur diesen letzten Aspekt aufzugreifen) – „ekelhaft“ und, ja gewiß, unerträglich (ich weiß, meine diesbezüglichen Empfindungen haben nicht den Status eines transkulturellen Phänomens, können also schon von daher keine Weltgeltung beanspruchen).
Mir ekelhafter und, ja gewiß, unerträglicher noch, daß sich Spieler das eine Nasenloch zuhalten und durch das andere auf den Boden rotzen. (Ist denn in so einer Fußballerschlapperturnhose keine Täschchen für ein Tüchchen?)
Am ekelhaftesten und unerträglichsten aber die KameraleutInnen, die so was filmen zu müssen/dürfen glauben, und die Bildregisseure (gern auch -regisseurinnen), die es obendrein – und stets in Großaufnahme! – senden zu müssen/dürfen glauben …
Kommentar by Uli Wetz — 4. Juli, 2010 @ 19:10 Uhr
Darüber, dass so wenige Kommentare zu diesem Blog geschrieben werden, wurde sich bereits beklagt, wenn ich mich recht entsinne. Was aber soll man zu fordernden Kalauern über fördernde Erziehungswissenschaften nach Abklingen des Lachmuskelkrampfes noch hinzufügen?
Man könnte sich als Geflechtkonstrukteur üben und damit beginnen, irgend eine augenscheinlich zusammenhangfreie Expertise mit entsprechendem Nachdruck in Bytes zu weben. Allerdings ist fraglich, ob die wenigen zu erwartenden folgenden Kommunikationsschritte geeignet sind zu demonstrieren, dass nicht von seiner Expertise abzurücken (auch nicht mit Hilfe durch die Zähne eingezogener Luft) als Expertenstrategie gar nicht so wenig Erfolg verspricht, wie man sich oft wünschen würde.
Man könnte andererseits den Ausführungen beipflichten und riskieren, die Augenmuskel aller anderen anwesenden Kommentatoren zu gesundheitsschädlich strengen Bewegungen nach links oben zu motivieren. Doch möchte man künftigen Fußballgenuss ungern nachhaltig schädigen.
Man könnte reflexorisch widersprechen, wie in der Blogosphäre allgemein üblich, vor allem bei *tillexomanischen Themen, und deren Abhandlung in gewohnter, stammtischlerischer Manier fortführen. Das wäre – zumindest – irgendwie authentisch.
Man könnte auch die Flucht nach vorne antreten, und über Kommentare von ekelhaft-unerträglichen KameraleutInnen anderer KommentatorInnen verdrüssliches berichten. Das würde die eigenen Augenmuskel schonen (vor allem vor Bewegungen nach links oben), beim Web-2.0-Scrabble gefühlt dreifachen Wortwert erzielen, aber wenig zu den Copyrightproblemen der FIFA beitragen, wenn es doch eigentlich ein inhaltliches FIFO-Problem zu diskutieren galt.
Der Kommentar sagt mehr über den Kommentator als über den Sport, höre ich von Foerster unsere Ausführungen zu Netzer, Müller-Hohenstein und anderen schelten, wenn ich mir auch ein geheimes Grinsen reservieren darf, dass auch seinen Ermahnungen diese Feststellung nicht erspart bleibt, mit Löw’s und meiner Hilfe trotz Pisa-Lob – wenn’s unbedingt sein muss – posthum sogar in Badisch.
Also frage ich in meiner entscheidungsflüchtigen Verzweiflung meinen inneren Kommentator, ob er mir bei der Numerologie vielleicht behilflich sein möchte und würfle: 4.
Das passt! Kommen sowohl Artikel, als auch Kommentar zu Gute, dass sie am 4. geschrieben worden sind und das Jahr 2010 sich aus – man staune – 4 dezimalen Stellen zusammensetzt. Erstaunlich ist besonders, dass im Wort Rhinotillexomanie kein Buchstabe mindestens vier Mal vorkommt. Doch Numerologie hin oder her, die Zahl 4 scheint ganz paradigmatisch ein zentrales Element bei dieser WM zu sein, nicht nur bei Toren. Hoffen wir, dass es nicht auch bei 4 gewonnenen Spielen bleiben wird, sondern gar 4 Sterne werden.
Kommentar by Gwenn — 5. Juli, 2010 @ 00:53 Uhr
Zum Lama-Thema: Jetzt wissen wir´s: Frank Rijkaard stand im Achtelfinale 1990 Rudi Völler einfach nur zufällig im Weg, Rudi hätte in ganz viele Spuckbahnen laufen können, – oder die heutigen Helden zielen so schlecht, – oder was? Lama heißt Lehrer – womit wir den Bogen zum Pädagogen hätten. Dalai Lama: Ozeangleicher Lehrer: womit wir … lassen wir das aber
Kommentar by Matthias Ohler — 5. Juli, 2010 @ 08:52 Uhr
Die heutigen Helden können doch lernen, beispielsweise bei Lama (Lehrer) Totti. Und nebenbei auch noch Italienisch. Im Internet gibts das Flash-Spiel “Sputa con Totti”. Geübt wird virtuell an Dänen, die immer quer durchs Bild, bzw. die Spuckbahn laufen. Mit intuitiver Bedienung: “Clicca e Sputa”, das versteht man sofort, ebenso ” Clicca sul pulsante”auch.”Piu’ si tiene premuto il pulsante piu’ lontano si sputa”. Wie würde Trappatoni sagen: “Je länger Sie drücken umso weiter Sie spucken” Obwohl das Spiel sicher pädagogisch wertvoll ist, will Totti wohl allen in die Suppe spucken. Er verlangt 5 Millionen Schadenersatz. Wegen Heldenbeschädigung?
Kommentar by Karl L. Holtz — 5. Juli, 2010 @ 09:16 Uhr
Lieber Karl Ludwig, Totti nennt aus strategischen Gründen “Schadenersatz”, was er lieber “Tantiemen” oder ähnlich nennen würde, damit könnte er aber keinen Prozess anstrengen. Nennte er´s, wie´s gemeint ist, bliebe manchen die Spucke weg.
Erinnern wir uns an Klaus Staecks Postkarte mit dem Motiv Filbinger. Staeck wehrte sich gegen den Vorwurf der Verunglimpfung (cf. Held) mit den Worten: Möglicherweise das einzige, das von ihm (Filbinger) übrig bleibt. Mal ehrlich: was wissen wir sonst noch von Filbinger? OK, “Was Recht war …” Sonst was?
Totti bleibt als Treter (Pokalfinale Rom-Mailand) im Gedächtnis. Zidane als Stümper (mit stumpfem Werkzeug Arbeitender, WM-Finale 2006).
Kommentar by Matthias Ohler — 5. Juli, 2010 @ 10:47 Uhr
… um auf diesen (in spuckbahnerischer Hinsicht) Nebenaspekt einzugehen: Von Filbinger bleibt immerhin, daß ihm Kiesinger voranging und das Cleverle folgte … Wer ein gutes Gedächtnis hat oder Wikipedia liest, kennt auch diesen Spruch von ihm: “Ohne das Kernkraftwerk Wyhl werden zum Ende des Jahrzehnts in Baden-Württemberg die ersten Lichter ausgehen.” Vorbeigespuckt …
Kommentar by Uli Wetz — 5. Juli, 2010 @ 11:31 Uhr
zu 5. Lieber Matthias, dann bleibt als Rotzbengel ja nur noch der Senegalese El- Hadji Diouf, Stürmer der Bolton Wanderers,
dem ein elfjähriger Fan aus Middlesbrough “zufällig ins Spuckfeld lief”. Wie hilfreich (s.o.), hat ihm ein Dr. Dribbel der britische Presse doch gleich ein “Aufmerksamkeitsdefizit und Symptome des Tourette-Syndroms”bescheinigt. Na bitte! ADHS, wo immer man hinschaut, auch auf dem Platz.
Kommentar by Karl L. Holtz — 5. Juli, 2010 @ 14:03 Uhr
Entscheidend is eben aufm Platz. Also: wer aufm Platz is, kann entscheiden, und wer aufm Platz aufm besonderen Platz is, entscheidet, wer mit aufm Platz is, wie, wie lange, und wer nich (Platzhirschen-Logik, altbekannt, und im metaphorischen Sinne DSM und vieles andere).
Kommentar by Matthias Ohler — 5. Juli, 2010 @ 18:32 Uhr