Populäre Komplexität
Norbert Bolz
Was haben Luhmann-Fans und Fußball-Fans gemeinsam? Beide lieben die Komplexität. Luhmann hat Bücher geschrieben, die man – nein, nicht “man”: intelligente, gebildete Leute immer wieder lesen. Bei jedem Wiederlesen findet man Neues, Überraschendes, Übersehenes. Diese Bücher sind also so komplex, daß sie den akademischen Leser reizen, weil sie ihn überfordern, ohne ihn zu entmutigen. Man kann sein ganzes Leben der Luhmann-Lektüre widmen. Es handelt sich also um faszinierende Komplexität. Das Problem ist nur, dass diejenigen, die sich daran erfreuen können, abzählbar viele sind. Aber es gibt auch populäre Komplexität, die fast alle faszinieren kann. Zum Beispiel Pink Floyds Dark Side of the Moon oder Pulp Fiction. Das kann, ja muß man sich immer wieder anhören und ansehen. Auch die Warcraft-Spieler kennen das: Komplexität erzeugt die Lust an der Wiederholung des Spiels. Encore! Und deshalb müssen wir alle Spiele sehen, nicht nur die der deutschen Mannschaft, sondern auch die anderen – und dann wieder die Bundesliga als Ewige Wioederkehr des Gleichen. Die Spieler sondieren Komplexität – das ist der Grund für die Faszination Fußball. Und das ist auch der Grund, warum ich bisher fast alle Ergebnisse falsch getippt habe.
5 Kommentare
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.












… ich möchte mal die Komplexität ein wenig reduzieren (obwohl ja schon die Einführung der Nietzscheanischen Wiederkehr des [Immer-]Gleichen eine solche Reduktion darstellt) und den beobachtenden Blick auf etwas „speziell Spezifisches“ lenken:
Einem Spieler, der sich vor dem Spiel, während des Spiels oder nach dem Spiel,
vor einem Torschuß, während eines Torschusses oder nach einem Torschuß,
besonders vor einem Strafstoß, während eines Strafstoßes oder nach einem Strafstoß
oder überhaupt
BEKREUZIGT
oder in irgendeiner Situation, die mit dem Spiel im Zusammenhang steht,
den Blick gen Himmel erhebt und die Hände gen Himmel streckt,
diesem Spieler ist unverzüglich, augenblicklich und unmißverständlich
die Knallstrote Karte zu zeigen.
(Der das sagt, ist ein rundum Ungläubiger, also ein unbeteiligter Beobachter von religiösen Glaubenssystemen, er sagt es aber im Namen all der Gläubigen, die ja vielleicht gegen „Gotteslästerung“ was haben. Natürlich in der Hoffnung, ihnen etwas zu „zeigen“. [Wo bleiben eigentlich deren Beobachtungen und Stimmen?])
Kommentar by Uli Wetz — 26. Juni, 2010 @ 21:00 Uhr
Lieber Herr Wetz, wer weiß, wem die Hand Gottes schlägt:) …
Kommentar by Far — 28. Juni, 2010 @ 11:23 Uhr
… schön gesagt …
Kommentar by Uli Wetz — 28. Juni, 2010 @ 15:10 Uhr
Das Bekreuzigen und Den-Blick-gen-Himmel-Erheben lässt sich mit einer Theorie in Verbindung bringen, die Tübinger Politologen vorgetragen haben: Fußball sei ein katholisches Spiel, fast alle Länder, die Fußballweltmeister wurden, seien mehrheitlich katholisch, und deshalb sei auch Südamerika so stark vertreten. “Die Sünde, das Foul, gehört ebenso dazu wie die Buße, der Freistoß, die Exkommunikation durch eine Rote Karte, dazu kommen die Unfehlbarkeit des Schiedsrichters, die Dogmen, die Heiligen, eine gewisse Homophobie” (DIE ZEIT Nr. 26 vom 24.6.2010, S. 19). Bestechend, oder?
Kommentar by Ralf Holtzmann — 2. Juli, 2010 @ 07:09 Uhr
… danke! Ich hab den Artikel auch gelesen, allerdings erst, nachdem mein Kommentar schon abgeschickt war. Diese These würde auch erklären, warum sich kaum eine Fußballmannschaft aus der ehemaligen DDR in der Ersten Bundesliga wiederfand und sich inzwischen dort überhaupt keine mehr wiederfindet. (Aber: Sammer? Ballack?)
Kommentar by Uli Wetz — 2. Juli, 2010 @ 13:36 Uhr