Systemische Blutgrätsche

Waffen zeigen (Spaß muss sein)

Dirk Baecker

Ich nehme nicht an, dass dieser Blog die Aufgabe hat, gelegentlich der Fußballweltmeisterschaft zu zeigen, dass Systemtheoretiker auch nur Menschen sind, die sich, weil sie Menschen sind, für Fußball interessieren. Das gilt so oder so, ob sie sich nun für Fußball interessieren oder nicht.

Sondern man will wissen, was sie zum Gegenstand beizutragen haben.

Es mag daher nicht überflüssig sein, zunächst einmal die Waffen zu zeigen.

Wir treten mit folgenden Begriffen an, die als Metadaten eingesetzt werden, um das auch in diesem Fall unübersichtliche Datenmaterial zu sortieren. Systemtheorie ist empirische Forschung, wie ich gerade wieder einmal feststellen konnte, da Matthias Ochs und Jochen Schweitzer mich freundlicherweise eingeladen haben, mich mit einem Artikel an ihrem geplanten Handbuch systemischer Forschung zu beteiligen.

Wir gehen mit folgenden Waffen an den Start, die hier der Sache halber nur nur in Aphorismenform und natürlich auch nicht vollständig genannt seien:

* Metadatum Information (nach Claude E. Shannon): Eine Fußballmannschaft ebenso wie in Fußballspiel müssen so gestaltet werden, dass sie Informationen aus jeder nur möglichen Selektion gewinnen können, nicht nur aus den Selektionen, an die man gedacht hat, als die Mannschaft zusammengestellt und das Spiel angepfiffen wurde.

* Metadatum Kommunikation (nach Gregory Bateson, aber auch nach Michel Serres): Ein Fußballspiel ist eine Gestaltung von Abhängigkeiten zwischen unabhängigen Elementen, genannt: Spieler. Es beruht nicht auf kausaler Determination eines bestimmten Ablaufes von seinem Anfang oder seinem Ende her, sondern auf selbstreferentieller Determination aller Beteiligten einschließlich des Schiedsrichters. Spaß macht das Spiel nur, wenn die wachsenden Pfadabhängigkeiten, zu denen sich auch selbstreferentielle Determinationen aus einer gewissen Ansteckungslogik heraus verdichten, dadurch unterbrochen werden können, dass es einzelnen Beteiligten immer wieder gelingt, Freiheiten eigener Spielzüge zu fingieren und durchzusetzen.

* Metadatum System (nach Talcott Parsons): Allen Beobachtungen eines Fußballspiels ist eine Systemreferenz zu unterlegen. Welche kommen in Frage? Die psychischen Systeme der einzelnen Spieler, bis zu 22. Die soziale Referenz der beiden Mannschaften, 2. Die soziale Referenz des Spiels, 1. Die psychische Referenz des Schiedsrichters, 1+x (je nach Hilfsschiedsrichtern, ernannten und nicht ernannten). Die soziale Referenz der Gesellschaft, in der die Fußballweltmeisterschaft stattfindet, 1+x (die Weltgesellschaft inklusive der Nationen, die hier noch einmal Anlass haben, sich als eigene Gesellschaften zu inszenieren). Die soziale Referenz der Fifa, die ihre sportlichen und wirtschaftlichen Referenzen verfolgt, x. Alles, was auf dem Platz stattfindet, ist entweder als Beitrag zur Reproduktion eines der genannten Systeme oder als Phänomen in der Umwelt eines der genannten Systeme zu betrachten.

* Metadatum Umwelt (nach Karl E. Weick): Jedes System reproduziert sich in einer Umwelt, die durch kein System erschöpft, sondern diesem gegenüber einen im Prinzip unendlichen Überraschungsreichtum bereit hält. Man stelle dies bei der Betrachtung jeder der oben genannten Systeme in Rechnung.

* Metadatum Funktion (nach Niklas Luhmann): Funktionale Analyse heißt, nach dem Beitrag eines Phänomens zur Lösung eines Problems zu fragen und sowohl alternative Problemlösungen für möglich zu halten und nach ihnen zu suchen, als auch dasselbe Phänomen als Lösung eines anderen Problems für denkbar zu halten und vorzuschlagen. Welches Problem löst der Fußball? Welches Problem löst die Fußballweltmeisterschaft? Handelt es sich um dasselbe Problem? Könnte man dieses Problem oder diese Probleme auch anders lösen? Was würde uns dann fehlen?

* Metadatum Beobachtung (nach Heinz von Foerster und Theodor W. Adorno): Ein System ist das, was entsteht, wenn sich Beobachtungen nichtidentisch wiederholen lassen. Was beobachtet der Fußball? Der Ball? Und was beobachtet der Fußballzuschauer? Wieviel Nichtidentität realisiert er dabei? Wie gelingt es ihm (und ihr), so viel Nichtidentität dabei auszuschließen?

* Metadatum Komplexität (nach Diophantus und Heinz von Foerster): Komplexität beinhaltet die Aufforderung, Nichtlinearität im Kontext von Rekursivität und umgekehrt zu beobachten und die Formen, die sich unter diesen Umständen bewähren, in allen drei Dimensionen der Komplexität als sachlich, zeitlich und sozial bestimmte Formen auszuweisen. Ein Fußballspiel ist sachlich komplex: Ball, Rasen, Wind, Licht, Stadion sind bereits mehr Faktoren, als kausal oder statistisch geordnet werden können. Es ist zeitlich komplex: Der Übermut des Anfangs hat nur wenig mit der Müdigkeit des Verlaufs und dem Endspurt vor dem Schluss zu tun, obwohl in allen Phasen des Spiels eine Erinnerung und ein Vorausgriff aus alle Phasen mitläuft. Und es ist sozial komplex: Spieler, Mannschaft, Trainer, Schiedsrichter, Publikum und anwesende Ehefrauen sind in ein Spiel wechselseitiger Beobachtung und Beobachtung zweiter Ordnung verstrickt, von dem man nur wissen kann, dass niemand weiß, was in den Köpfen der anderen gerade vorgeht, und dass jeder weiß, dass das in keiner Weise schlimm ist. Jetzt addiere man die sachliche, zeitliche und soziale Komplexität und man weiß, womit man es bei einem Fußballspiel zu tun hat.

* Metadatum Selbstreferenz (nach Niklas Luhmann und Martin Heidegger): Die Selbstreferenz ist leer. Nur deshalb sucht das Spiel immer wieder unruhig nach neuen Fremdreferenzen, von denen jedoch keine es zufrieden stellen kann.

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3 Kommentare

  1. … aha, so wuchtig gleich (damit ist auch der Beitrag von Fritz B. Simon gemeint). Aber okay. Gut so. Einverstanden.

    Dann war mein Kommentar zum Beitrag am 4. Juni vielleicht ein wenig zu oberflächlich.

    Obwohl: Einige der Kriterien erfüllt er schon. Etwa: Wie fühlt sich Klose durch seine Frau (und andere Spielerfrauen) so beobachtet, daß er sie und/oder andere Spielerfrauen so beobachtet (immer alles vice versa und etc. pp.)? Warum beobachtet Klose den ihn beobachtenden oder zumindest scharf beobachtet habenden Betzenberg nicht mehr, wie geriet er ihm aus dem Blick? (Stimmt diese meine Beobachtung überhaupt? Wer beobachtet sie korrigierend?)

    Und weitere Fragen: Unter welchen Beobachtungen fühlt sich der Schiedsrichter (1 + x), wenn Ballack – wohl nicht in vollendeter Absicht, es gibt ja die Tücken des Unterbewußtseins: Es ist manchmal zu spät, den Fuß zurückzuziehen, obwohl man es möchte – – – wenn also Ballack zusammengetreten wird oder Drogba sich aufgrund eines Fouls kurz vor der Weltmeisterschaft den Ellenbogen bricht (beides beobachtbare Tragödien, vermutlich minus Kartharsis)?

    – – –

    Mir scheint inzwischen, daß „Beobachtung machen in Bezug auf“ nur ein pragmatischerer Ausdruck für „Bewußtsein haben von“ ist. Das „nur“ ist keine Kritik. Im Gegenteil: Ich möchte damit einen bezeichnerischen Fortschritt charakterisieren. Es gefällt mir, vom „Beobachten“ zu reden. Es macht vieles Reden einfacher und setzt Kräfte frei für vielleicht Wichtigeres, vielleicht sogar Kreativeres [?] (das „Eigentliche“?). Oder zumindest den Blick darauf = hoffentlich Erweiterung der Möglichkeiten.

    Gruß etc. –

    Uli Wetz

    Kommentar by Uli Wetz — 6. Juni, 2010 @ 21:30 Uhr

  2. Ja, und ein “Bewusstsein haben von” wird dann lesbar als: “Beobachtungen gemacht haben von.” Das ist systemtheoretisch doppelt enträtselbar im Hinblick darauf, wer oder was dort eine Beobachtung gemacht hat und wie und warum sich diese Beobachtungen auf etwas Bestimmtes gerichtet haben: Doppelte Selektivität auf höchst schwankendem Grund. Dann sind wir da, wo die Sorgen des Trainers beginnen.

    Kommentar by Dirk Baecker — 7. Juni, 2010 @ 07:07 Uhr

  3. … hat mich, nebenbei gesagt, übrigens sehr gefreut, mal wieder Adorno zitiert zu finden. Dafür mußt ich dann, herbe Kost, den Heidegger in Kauf nehmen (ich sage jetzt nicht, was vielleicht – auch im Sinne der Idiolektik – erwartbar gewesen wäre: schlucken; denke ich mir das wörtlich … eine eher nicht schöne Vorstellung).

    Interessant aber die Zuordnungen: „(nach Heinz von Foerster und Theodor W. Adorno)“ versus „(nach Niklas Luhmann und Martin Heidegger)“ …

    Kommentar by Uli Wetz — 7. Juni, 2010 @ 19:37 Uhr

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