Charakter (zerknirscht)
Dirk Baecker
Es gibt Momente, in denen die Psychologie nicht weiterhilft, und die systemische schon gar nicht.
Warum musste Jerome Boateng dann doch vom Platz, obwohl der Psychologe sich darum gekümmert hat, dass er sowohl die Begegnung mit seinem Bruder als auch die mit seinem Heimatland (was war schwerer?) verkraftet? Rhetorische Frage: Weil das Kümmern nicht hilft!
Löw hatte die richtige Antwort, als er vom Reporter gefragt wurde, ob er mit Boateng über seine Gefühle gesprochen hätte: “Nein; aber wenn er etwas zu besprechen gehabt hätte, wäre er zu mir gekommen.”
Es wird, vor dem Spiel mit England, entscheidend sein, von Psychologie auf Charakter, von “junge Mannschaft” auf “wir werden auch mal alte Hasen” umzustellen. “Charakter” heißt: hier stehe ich und ich kann nicht anders, höchstens ein bisschen anders. “Charakter” heißt: Jetzt wird jeder von uns Form (Unterscheidung und feste Kopplung) und ist nicht mehr nur Medium (lose Kopplung, “Nichts”), in dem andere (Löw?) ihre Spuren hinterlassen.
“Charakter” heißt: Wir werden auf dem Platz mit England ein paar Entscheidungen treffen und uns im Guten wie im Bösen an ihnen messen lassen. Wir machen Geschichte — im vollen Bewusstsein der Möglichkeit des Risikos, damit Geschichte zu werden.
Stoppt das Gespräch mit den Psychologen. Werdet zu dem Problem, für das ihr bisher eine Lösung gesucht habt und das ihr damit von euch fern gehalten habt. Das kann nicht gut gehen. Man kann sich nicht von sich selber fernhalten.
Charakter heißt, dass Emergenz eine Chance hat. Die Mannschaft muss etwas werden können, was jeder einzelne Spieler noch nicht ist: nicht größer als ihre Summe, nicht kleiner, sondern: anders. Dazu jedoch muss jeder Spieler zu sich selber werden (wie immer fiktiv, eben: als Charakter), neben die Mannschaft treten, der Mannschaft eine Chance geben, jeden Einzelnen zu überraschen und nicht mehr als das so nicht zu wollende Ergebnis ihres Zusammenspiels zu erscheinen.
Nichts gegen die Australier, die Serben und die Ghanaer, aber die Engländer kommen wie gerufen, dies zu üben. Sie sind schon die Charaktere, zu denen wir jetzt werden.
14 Kommentare
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(… die Autorenbeiträge erscheinen hier in so hoher Dichte und Qualität, daß es kaum möglich ist, darüber rasch und angemessen nachzudenken und angemessen und rasch zu antworten [= das Schlechte am Guten; aber ein eher angenehmes Schlechtes].
Es sei mir deshalb erlaubt, zurückzuverweisen auf den Beitrag von Dirk Baecker vom 19. Juni und die dortigen Kommentare, speziell 1–2, [8, 9 und] 10–13 …
Während ich dies schreibe, führen die Japaner gegen die Dänen immer noch 2:0.)
Kommentar by Uli Wetz — 24. Juni, 2010 @ 21:05 Uhr
Quae tellus sit lenta gelu, quae putris ab aestu,
Ventus in Italiam quis bene vela ferat
Kommentar by es — 25. Juni, 2010 @ 12:45 Uhr
Situs vi late in isset avernet.
Kommentar by Dirk Baecker — 25. Juni, 2010 @ 17:38 Uhr
… dieser/dieses (laut Duden beides möglich) Blog bietet hohes Niveau … und, was mich betrifft, so habe ich das große Latinum; dennoch ist mir das Lateinische nicht so geläufig wie weiland Franz Josef Strauß, dem es selbst die „Atombombe“ ins Lateinische zu übersetzen gelang.
Was ich sagen möchte: Ich fände es für mich zeitersparend (und für andere vielleicht ohnehin hilfreich), wenn die lateinischen Sprüche ein bißchen ins Deutsche übersetzt würden, gegenenfalls sogar mit Quellenangabe …?
Ich grüße.
Kommentar by Uli Wetz — 25. Juni, 2010 @ 21:00 Uhr
NACHTRAG
gegebenenfalls
Kommentar by Uli Wetz — 25. Juni, 2010 @ 21:01 Uhr
Lyk soos en is dit selfs Afrikaans.
Sieht aus wie Afrikaans und ist es sogar.
(Nur mal so aus der systemischen Fankurve getrötet.)
Kommentar by Far — 25. Juni, 2010 @ 21:17 Uhr
Warum es die Banlieue war — und doch nicht war: Jürgen Ritte in der NZZ:
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/black-blanc-out_1.6246354.html
Kommentar by Dirk Baecker — 25. Juni, 2010 @ 23:43 Uhr
Charakterfest? Dann müssten wir das Spiel (Eric Leifer ist hier ja schon erwähnt worden) aus ambiguity failures aufbauen, nicht aus ambiguities. Wir müssten jede Ungewissheit augenblicklich zusammenbrechen lassen. Nicht mal für Zerknirschung dürften wir uns Zeit lassen.
Kommentar by Maren Lehmann — 26. Juni, 2010 @ 08:24 Uhr
Die Lust am Leiden.
Ein Fest der Charaktere.
Erlaubte Ambiguität.
Gelebte Toleranz.
Kommentar by es — 26. Juni, 2010 @ 10:33 Uhr
@3
Multa paucis
@5
Hier sagst du viel in wenigen Worten.
Kommentar by es — 26. Juni, 2010 @ 11:43 Uhr
… geht doch …
Kommentar by Uli Wetz — 26. Juni, 2010 @ 19:55 Uhr
“Zerknirscht” — weil ich so ungern etwas gegen Psychologen sagen, ganz zu schweigen von systemischen Psychologen…
Kommentar by Dirk Baecker — 27. Juni, 2010 @ 13:26 Uhr
Es war doch mehr Mut als Charakter, kombiniert mit Taktik, wie Löw offenbarte: die Engländer ans Spiel lassen, damit sie hinten Platz machen und erfolgreiche Konter möglich werden.
Charakter ist eine Frage der Persönlichkeit, Mut dann doch auch eine Frage des Teams. Psychologen und Systemiker bleiben im Spiel.
Ich mache jetzt Urlaub in Frankreich und muss mich deshalb leider aus diesem Blog verabschieden. Ich wünsche uns weiterhin den jetzt allemal verdienten Erfolg
Kommentar by Dirk Baecker — 27. Juni, 2010 @ 17:33 Uhr
[...] nicht gut gehen. Man kann sich nicht von sich selber fernhalten.” (dirk baecker :: zu finden hier [...]
Pingback by Freiheitsfabrik » Blog Archive » püschologie als problembewahrerin — 1. Juli, 2010 @ 22:01 Uhr